Yari Ostovany setzt sich in seinem Schaffen
auf verschiedenen Ebenen mit der Erfahrung eines kulturellen Gedächtnisses auseinander.
In Bildzyklen umkreist der Künstler assoziativ mythisch geprägte
Motive, in denen die Frage nach dem Ursprung und der Sinnhaftigkeit
des Lebens aufgeworfen wird. Hierzu gehören die "Vogelgespräche" und
die Figur des Ikarus. Zwei weitere Bildzyklen versteht der Künstler
als Hommage an Goya und Ezra Pound, deren Gedankenwelt ihn wesentlich
in seiner abstrakten Bildsprache beeinflusst hat.
Die "Vogelgespräche" beziehen sich auf eines der klassischen
Werke der Sufi-Literatur, verfasst von Farid du-din Attar, einem
der grossen Sufis, die im Persien des 12. Jahrhunderts wirkten, lehrten
und dichteten. Der Held seines berühmten Buches, der Wiedehopf,
denkt und fühlt wie ein Sufi, für den das einzig Wesentliche
im Leben die direkte, unmittelbare Erfahrung Gottes ist. Als sich
eines Tages sämtliche bekannten und unbekannten Vogelarten der
Erde versammeln und von der Notwendigkeit sprechen, einen eigenen
König zu haben, weiss er Rat. Den König gebe es doch längst,
den in grösster Verborgenheit lebenden Vogel Simurgh, der den
Vögeln ebenso nahe sei wie sie ihm fern. Zu ihm, ihrem König
wolle der Wiedehopf seine Mitvögel führen, allein die Reise
sei lang und gefährlich. Offensichtlich ist der Simurgh ein
Symbol für Gott, die verschiedenen Vogelarten wiederum symbolisieren
die unterschiedlichsten Menschentypen.
Die Reise führt die Vögel nun durch sieben mystische Täler,
von denen jedes einer Stufe auf dem Weg zu Gott, einem inneren
Zustand des Gottsuchenden entspricht, durch Durst, Hunger, Hitze, Kälte,
Äussere und innere Feinde. Schliesslich sind es gerade dreissig,
die ihrer
Absicht treu geblieben sind und nun vor den Toren des sagenhaften
Simurgh stehen. Ein gewaltiger Glanz durchdringt sie, der sie von
allen ihren bisherigen Handlungen reinwäscht. Und in dieser
Neugeburt erkennen sie, dass sie, die dreissig Vögel (persisch: "si-murgh")
nicht getrennt vom grossen Simurgh sind, dass er in ihnen ist,
sie in ihm. Mit der Erkenntnis dieser fundamentalen Einheit, ausgedrückt
im berühmtesten Wortspiel der persischen Literatur, schliessen
Reise und Buch. Yari Ostovany zielt nicht auf eine Wiedergabe dieser
Erzählung im Sinne einer Illustration oder symbolischen Vergegenwärtigung,
Um dies in seinen eigenen Worten zu sagen: In meinem Werk strebe
ich danach, die Poesie der Existenz zu berühren, eine Poesie,
die eben nicht linear ist und die oberhalb und jenseits der Grenzen
einer geometrisch gefassten Logik anzusiedeln ist.
Die Bilder des Zyklus "Vogelgespräche" stellen sich
als konkrete Gestaltungen dar, in der Farb- und Formbildungen als
autonome Erfahrungswerte zur Erscheinung gebracht sind. Der Künstler
vermittelt keine Aussage im Sinne einer Botschaft, die der Betrachter
lesend-schauend, intuitiv oder im Einsatz seines Verstandes zu entschlüsseln
hat. Im Bildentwurf schafft er eine Wirklichkeit, die sich in der
Anschauung des Betrachters je neu formt und eine je neue Ausprägung
findet. Aus unauflösbar ineinander verwobenen und miteinander
verschmelzenden Farbschichten gliedert Yari Ostovany meditative Räume,
in denen sich assoziativ Erinnerungen und Vorstellungen erschliessen.
Vertikale Linienverläufe und horizontal gestaffelte Strukturen
dienen der rhythmischen Organisation eines Tiefenraums, der durch
jeweils vorherrschende farbliche Grundtöne atmosphärisch
gestimmt ist.
Verdichtungen im Farbauftrag, in den Vordergrund drängende
Tiefenschichten, durch Kratzen, Schaben oder zeichnerisch aufgetragene
Formbildungen vermitteln Ahnungen von Zeichenhaftigkeit und Bedeutsamkeit.
Behutsam artikuliert sich hier das Bedürfnis, sich in einer
Mitteilung kundzutun, den eigenen Gedächtnisraum zu öffnen
und die individuelle Erfahrung auf eine universale Ebene zu weiten.
Aufwachsende, organisch anmutende Gebilde verbinden sich mit Kreuzesformationen,
chaotisch sich entfaltende, impulsive Gestik steht neben geometrisch
gefassten Ordnungen, Ornamentales stösst auf Narratives, Diffuses
auf klare Konturen, um so unterschiedliche Möglichkeiten bildlicher,
symbolischer und zeichenhafter Darstellung zu erproben und zu vergegenwärtigen.
Seine Kunst empfindet Yari Ostovany als eine ganz persönliche
Erkundungsreise, als ein Experiment, in dem er vorherrschende und
etablierte Wahrnehmungs- und Denkweisen herauszustellen und zu
durchbrechen sucht. Seine Arbeit begreift er als Dialog, der, dem
musikalischen
Ordnungsprinzip der Fuge vergleichbar, Inneres und äusseres, gegenläufige
und gleichgerichtete, sich überlappende und verschmelzende
Schichten der Wahrnehmung in einem Spannungsverhältnis zusammen
führt.
Er untersucht die kulturellen Traditionen seines Herkunftslandes,
des Iran, und gleichermassen die des Westens, denn seine künstlerische
Ausbildung erfolgte in US-amerikanischen Kunsthochschulen.
Doch Yari
Ostovany strebt in seiner künstlerischen Arbeit nicht danach,
Gegensätze und Besonderheiten der persischen und der westlichen
Kunst in einer Synthese zu verschmelzen. Ihm geht es vielmehr darum,
im jeweiligen visuellen Vokabular möglichst grundlegende und
abstrakte kulturelle Muster aufzuspüren. Aus den motivischen
und gestalterischen Bezügen, die der Künstler in dieser
Analyse an die Oberfläche bringt, entwickelt er eine Ausdrucksform,
die sich nicht zeichenhaft auf die beiden kulturellen Kontexte bezieht,
sondern beiden gleichermassen in je unterschiedlicher Weise und Ausrichtung
eingeschrieben ist. Die persisch-islamische Kunst ist wie auch die
jüdische Kunst ganz entscheidend durch das alttestamentarische
Gebot bestimmt, Gott nicht in menschlicher Gestalt zu repräsentieren:
... Du sollst dir kein Bildnis machen ... Da es also keine
figurativen Darstellungen gibt, geht die islamische Kunst von grundsätzlich
anderen Voraussetzungen aus als die antike und mittelalterliche Kultur
des Christentums. Künstler stellen sich eher auf abstrakte Gestaltungsmittel
ein, auf Linie, Farbe und Textur. Nur in Ausnahmefällen werden
eine individuelle Figur oder ein Emblem Gegenstand der kontemplativen
Betrachtung; meistens richtet sich diese auf rahmende Arabesken oder
geometrische Einfassungen. Schon seit der Antike legt sich die westliche
Kunst auf die menschliche Figur und das Verhältnis der bildlichen
Darstellung zu einer Erzählung fest. Die islamische Kunst hat
dieses klassische Erbe aufgegeben und die künstlerische Erzählung
der Dichtkunst überlassen. Bilder haben die Bedeutung, über
emblematische Bezüge auf die Welt der Ideen anzuspielen.
Während
es in der antiken Kultur darum ging, bestimmte Textpassagen zu
illustrieren, wird hier der Betrachter aufgefordert, innerhalb eines
durch das
jeweilige Thema vorgegebenen Rahmens frei zu assoziieren. Die nicht-figürliche
islamische Kunst ist auf der formalen Ebene durch das Streben um
Ausgleich, Kontrolle und Gleichmass bestimmt und als solche ganz
entschieden selbst-bezüglich. Auf eine bildliche Verdichtung,
die nicht in Aussagelosigkeit, sondern in einer weitausgreifenden,
universalen Metaphorik mündet, zielt auch der Abbau optischer
Unterscheidungsmerkmale, so wie er sich in der westlichen abstrakten
Kunst seit Malewitsch vollzogen hat. Dieser ikonoklastische Akt
zerstört
die vielfältigen Möglichkeiten des Unterscheidens bis
auf einen einzigen Kontrast. Die differenzarme innere Struktur
verweist
auf eine ebenso umfassende und absolute Realität. Die im Gedanken
einer grenzenlosen Totalität komprimierte Wirklichkeit besitzt
kein mögliches sprachliches Prädikat mehr. Der Suprematismus
von Malewitsch versucht, die Kultur zu den universellen, kosmischen
Wahrheiten zurückzuführen, und merzt deswegen alle Unterscheidungsmerkmale
aus. Die schöpferische Tätigkeit aber kennt keine Begrenzungen,
keine Schranken. Sie ist in ihrem Wirken wie das Universum grenzenlos
und kann daher zum "Nichts", zur Ewigen Ruhe" gelangen.
Dem "Weissen Quadrat auf weissem Grund" von Malewitsch
korrespondieren in der US-amerikanischen Kunst der 50/60er Jahre
die "Abstract Paintings" von Ad Reinhardt, in denen die
Primärfarben sich in der †berlagerung nahezu in der
Ununterschiedenheit einer schwarzen Fläche auslöschen.
Auch der amerikanische Künstler der Nachkriegszeit zielt auf
das Absolute: Der eine Massstab in der Kunst ist Ein-heit und Schönheit,
Richtigkeit und Reinheit, Abstraktheit und extreme Feinheit. Das
Eine, was sich über
die beste Kunst sagen lässt, ist die Atemlosigkeit, Leblosigkeit,
Todlosigkeit, Inhaltlosigkeit, Formlosigkeit, Raumlosigkeit und
Zeitlosigkeit. Das ist immer das Ziel und Ende der Kunst. Doch
gerade dieser Anspruch
zielt auf eine allumfassende Totalität, in der in säkularisierter
Form eine Gottesvorstellung aufgehoben ist. In einer vor- bzw.
metasprachlichen Erfahrung soll sich dem Betrachter etwas Numinoses,
begrifflich nicht
Fassbares, doch intuitiv Gewusstes oder Geahntes offenbaren. Die
Versöhnung des Besonderen mit dem Allgemeinen scheint in der
individuellen Erfahrung greifbar und möglich zu werden. Doch
gerade hier bringt Yari Ostovany Zweifel an. Der blosse Akt
der Negation aller ausserbildlichen Bezüge vermag kaum im
Sinne einer Katharsis den verlorenen Ursprung zur Anschauung zu
bringen.
Er begibt sich umsichtig auf eine Spurensuche, in der hieroglyphische,
bildhafte oder auch emblematische Zeichen gleichsam schattenhaft
zur Erscheinung gebracht werden, um im chaotischen Geflecht aus
den verschiedensten symbolischen Ordnungen für sich selbst
wie auch für den Betrachter mögliche neue Orientierungen
und Bezugssysteme zu entwerfen und assoziativ zur Entfaltung zu
bringen. Die Sehnsucht
nach Ursprung versetzt den Betrachter mit jedem Bild in neue Gedächtnisräume
und vermittelt der Erinnerung damit neue Perspektiven. Die Entschlüsselung
der Bilder und Codes vollzieht sich in einer Spiralbewegung, die
auf einen Mittel- und Endpunkt zielt, ohne je diese Erfüllung
erreichen zu können. So finden auch wir uns in der Lage,
den gedachten Gehalt der Bilder sprachlich fassen zu müssen,
wo dieser sich doch dem geometrisch-logischen Verstand entzieht.
Diese paradoxe Situation ist auszuhalten.
Bochum, Mai 2002